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GEISTLICHE NOTIZ Das Image der Motorradfahrer

"Kann man heute noch mit gutem Gewissen Motorrad fahren?", fragt Jochen Gran, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Waldbröl, und verweist auf den Moral-Nordpol

Das Image der Biker befindet sich im Sinkflug. Aus ehemals coolen Typen sind vermeintlich Lärmverschmutzer geworden und Egomanen, die es in der Pandemie darauf anlegten, durch mögliche Unfälle für Corona-Patienten dringend benötigte Intensivbetten zu belegen. Motorradfahrer gelten heute als Ressourcenverschwender, Klima-Killer und rücksichtslose Geschwindigkeits-Rowdies. Ich fahre selbst Motorrad und frage mich: Geht Motorradfahren heute nur noch mit schlechtem Gewissen?

Doch wer reguliert unser Gewissen? Wenn das Gewissen so etwas wie der Kompass des Lebens ist, wer ist dann der moralische Nordpol, nach dem wir uns ausrichten? Über viele Jahrhunderte hinweg war es sicherlich die Kirche. Doch in Zeiten, in denen sie kaum noch gesellschaftliche Relevanz hat, hat sie diesen Status so gut wie verloren. Sie hat ihn teils aber auch freiwillig aufgegeben, indem sie einerseits verkündigte: ‚Gott hat dich lieb, egal, was du tust und wie du bist!‘ und sich andererseits nicht an eigene Spielregeln hielt. Das wäre gar nicht schlimm, wenn sich damit auch das schlechte Gewissen erledigt hätte. Dem ist aber leider nicht so. Woran liegt das? Es liegt daran, dass andere die Rolle des Moral-Nordpols übernommen haben: Influenzer, Medien, Politiker und so weiter.

Während die Kirche jedoch über Jahrhunderte die moralische Richtung vorgab, ändert sich diese heute in atemberaubender Geschwindigkeit; denn die moralischen Nordpole geben sich die Klinke in die Hand. Allen moralischen Instanzen ist leider gleich, dass sie selten selbstkritisch sind. Ich wünschte, sie würden hin und wieder in den Spiegel des Jesus-Wortes schauen: Was siehst du den Splitter im Auge deines Buders und übersiehst den Balken in deinem eigenen?

In seinem Sinne

Bedauerlicherweise richtet die Kirche ihren Kompass oftmals nach dem gerade angesagtesten Nordpol aus, vermutlich um möglichst trendy zu wirken. Dabei hat gerade sie die Möglichkeit, auf den Moral-Nordpol hinzuweisen, der für alle Zeiten Gültigkeit haben könnte: Jesus Christus. An ihm ausgerichtet habe ich kein schlechtes Gewissen, wenn ich Motorrad fahre. Ihm ist es eher wichtig, wie ich Motorrad fahre und wie ich sonst noch so in seinem Sinne lebe.  

 

Der Theologe Jochen Gran ist Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Waldbröl. Er hat zahlreiche soziale Initiativen ins Leben gerufen, unter anderem vor 20 Jahren die Tafel Oberberg Süd.  

 

www.ekagger.de | jth | Text: Jochen Gran | Fotos: Beatrix Schmittgen 

Pfarrer Jochen Gran beim Motorradgottesdienst vor der evangelischen Kirche in Waldbröl. Er selbst fährt eine italienische Maschine: eine Ducati Diavel mit 160 PS

Nach dem Gottesdienst gab es geführte Touren durchs Oberbergische