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Andacht zu Silvester: Von guten Mächten wunderbar geborgen

| Andacht

Eine Andacht zum Jahreswechsel von Pfarrer Hans-Georg Pflümer 

„Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist bei uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“ Vielleicht, liebe Leserinnen, liebe Leser, ist der berühmte Vers von Dietrich Bonhoeffer, der sich mittlerweile zur eigentlichen Silvesterlosung entwickelt hat, ja das richtige Wort für den Jahreswechsel von 2020 zu 2021. Ich will nicht noch einmal in das Gejammer darüber einstimmen, dass das Jahr so schlimm war. Ich möchte am heutigen Silvestertag, den Blick nach vorne richten, in die Zukunft, in ein neues Jahr, und das mit begründeter Hoffnung  

„Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar, so will ich diese Tage mit euch leben und mit euch gehen in ein neues Jahr.“

Dietrich Bonhoeffer, evangelischer Pfarrer und Widerstandskämpfer gegen Adolf Hitlers Gewaltherrschaft, hat diese Zeilen zum Jahreswechsel 1944/1945 im Gefängnis geschrieben. Das Gedicht war quasi ein Weihnachtsgeschenk aus der Haft an seine Eltern und seine Verlobte. Und es war noch viel mehr. Es ist ein wertvolles Dokument der Hoffnung in düsteren Zeiten. Vielleicht können wir uns 2020/2021 nach 76 Jahren noch einmal davon anstecken lassen und sehen, dass das Licht am Ende des Tunnels immer wichtiger ist als die Dunkelheit, die hinter uns liegt, oder die Dunkelheit, durch die wir noch durchmüssen.

Und für die, die sich darauf freuen, dass sie – irgendwann im Laufe des morgen anbrechenden Jahres – wieder gemeinsam Gottesdienst feiern können, noch ein kleiner aufmunternder Text aus unserer Zeit. Die Berliner Journalistin Alice Hasters hat 2019 ein Buch geschrieben über den Rassismus, den sie als junge schwarze Frau, die in Köln geboren wurde und aufgewachsen ist, erleben muss.

Als sie mit 16 Jahren zu einem Austausch in die USA geht, nimmt ihre Cousine sie mit in einen christlichen Gottesdienst. Aufgewachsen als Buddhistin ist für sie vieles neu. Auch die guten Erfahrungen, die sie hier macht:

Sonntags um neun Uhr gehe ich mit Lina und Veronica in die Kirche. Die Predigten sind interessant, witzig und wohltuend. Ich lache sind weine in der Kirche. Das machen alle dort. Ich singe laut mit, wenn mir danach ist, stehe ich auf und tanze, ich bete, nicht mit gefalteten Händen, sondern mit den Handflächen Richtung Himmel. Am Ende der Messe umarmen sich alle. Ich fange an, an Gott zu glauben, vor allem, weil ich mein Glück nicht fassen kann, dass Lina wie ein Engel aufgetaucht ist und mich bei sich aufgenommen hat. Viele Menschen aus meinem Umfeld in Deutschland stehen der Kirche kritisch gegenüber. (…) Es kommt mir so vor, als ob die Kirche hier in Mount Airy eine wichtige Aufgabe erfüllt und zur Stabilität der Gemeinschaft beiträgt. (…) Die Messen haben etwas Heilendes. Oft wird man daran erinnert, dass es schön ist, auf der Welt zu sein, und dass man geliebt wird. Dinge, die Schwarze Menschen in ihrem von Rassismus geprägten Alltag schnell vergessen können.“ (S. 197)

So wünsche ich uns auch für 2021 Orte und Gelegenheiten, wo wir wieder neu erfahren können wie es ist, von Gott treu und still behütet zu sein.

Ihr 

Pfarrer Hans-Georg Pflümer

Literaturtipp: Alice Hasters: Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen aber wissen sollten, Hanser 2019

www.ekagger.de | jth | Foto: Bonhoeffer-Gymnasium, aus einer Schülerarbeit, wikimedia/commons 

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Dietrich Bonhoeffer - gestaltet in einem Religionskurs am Bonhoeffer-Gymnasium in Wiehl.
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Von guten Mächten treu und still umgeben. Aufgeschrieben von Dietrich Bonhoeffer im Gefängnis im Dezember 1944.