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Andacht: Rettungsseil

| Andacht

Der Kirchenkreis An der Agger veröffentlicht jeweils zum Wochenende eine Andacht. Zur Tageslosung des kommenden Sonntags Exaudi (nach dem Psalmvers "Herr, höre meine Stimme") schreibt Annemarie Kind, Synodalälteste im Kreissynodalvorstand.

Losung und Lehrtext für Sonntag, 24. Mai 2020:

Bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.
Psalm 130,4

Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr!
Kolosser 3,13

Ich treffe eine ältere Bekannte und ärgere mich. Denn sie regt sich lauthals über die Mundschutzpflicht auf. Ich will keinen Ärger und halte meinen Mund. Im Stillen ärgere ich mich aber: „Herr, lass Hirn vom Himmel regnen! Was wird denn aus Menschen wie mir, die zu einer Risikogruppe gehören. Wenn ich mich anstecke, sind Menschen wie sie schuld!“ Der Ärger nagt den ganzen Tag, doch abends beim Beten merke ich, ich habe mindestens einen Splitter im Auge. Wir alle werden immer wieder schuldig, auch wenn wir uns selber nicht gerne so sehen: „Herr, vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern“ - und ich lese Psalm 130 (Lutherbibel 2017).

1 Ein Wallfahrtslied. Aus der Tiefe rufe ich, HERR, zu dir.
2 Herr, höre meine Stimme! Lass deine Ohren merken auf die Stimme meines Flehens!
3 Wenn du, HERR, Sünden anrechnen willst – Herr, wer wird bestehen?
4 Denn bei dir ist die Vergebung, dass man dich fürchte.
5 Ich harre des HERRN, meine Seele harret, und ich hoffe auf sein Wort.
6 Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen; mehr als die Wächter auf den Morgen
7 hoffe Israel auf den HERRN! Denn bei dem HERRN ist die Gnade und viel Erlösung bei ihm.
8 Und er wird Israel erlösen aus allen seinen Sünden.

„Aus der Tiefe rufe ich zu dir, Herr.“ Ein verzweifelter Hilfeschrei. Der Psalmbeter ist in ein tiefes Loch der Einsamkeit, Isolation, Gottesferne gefallen. Er sitzt wie Joseph gefangen in einer tiefen Zisterne und kann sich nicht selber befreien. Ohne ein Seil gibt es kein Entkommen. Hört mich denn niemand? Und er fragt eindringlich: Wer kann vor Gott in seiner Schuldigkeit bestehen? Niemand.

Staunen über die Vergebung

Allein durch Gottes Gnade wird uns vergeben (Luther: „Sola gratia“). Bei Gott ist die Vergebung. Gottesfurcht entsteht nicht aus Angst vor Strafe; Gottesfurcht entsteht aus dem Staunen über Vergebung. Ins heutige Deutsch übersetzt müsste der Vers 4 also lauten „Denn bei dir ist die Vergebung, dass man aus Ehrfurcht und Staunen über Gottes Güte nicht hinauskommt.“

Aber noch harrt der Psalmbeter auf Hilfe. Das hebräische Wort für „harren/hoffen“ kavve hat auch die Bedeutung „ein Seil flechten“. Die Bibel spricht oft in Bildern zu uns. So auch hier. Ich sitze in meiner Schuld wie in einem tiefen Loch. Mein Lebensseil ist ganz zerfranst, so dass es mich nicht mehr hält. Ich recke Gott diese zerfransten, zerrissenen Seilenden und meine ohnmächtigen Fragen entgegen. Er in seiner Güte wird das Seil wieder heile machen. Der auferstandene Jesus wird es flechten und zusammenknüpfen, so dass es zu einem Rettungsseil wird und ich mit seiner Hilfe aus meiner Isolation und Gottesferne wieder heraus kann.

Es ist ein großes Geschenk Gottes, dass wir uns nicht mit unseren Steinen der Schuld beladen durch das Leben schleppen müssen, sondern Gott sie uns abnimmt in Gestalt des Auferstandenen. Diese Entlastung sollen und wollen wir auch unseren Mitmenschen gönnen. Anderen Vergebung gewähren, im Wissen, dass man ja auch selber immer wieder schuldig wird, entlastet auch die eigene Seele.

Ich lade Sie ein, sich den Psalm 130 noch einmal durchzulesen oder auch ein Stück des 22-jährigen Johann Sebastian Bach, die Kantate „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir“ (BWV 131) anzuhören. Vielleicht bekennen Sie vor Gott, indem Sie Ihre Sünden auf einen Zettel schreiben, ihn um einen Stein binden und ihn frei nach dem Propheten Micha ins Wasser werfen: „Er wirft all unsere Sünden in die Tiefen des Meeres.“

Annemarie Kind hat noch mehr Musik für Sie ausgesucht:

Shane & Shane „I will wait for you”

“Vergiss nicht zu danken dem ewigen Herrn"

"Vergiss nicht zu danken dem ewigen Herrn (instrumental)

 

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"Aus der Tiefe rufe ich, HERR, zu dir", fleht der Beter in Psalm 130 in seinem tiefen Loch der Isolation und Gottesferne. Aber Gott lässt nicht zu, dass wir seine Hand verlieren.