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Andacht: Pfingsten ist Kommunikation in Reinkultur

| Andacht

Die Andacht zum Pfingstmontag kommt von Pfarrer Martin Will aus der Evangelischen Kirchengemeinde Eckenhagen.

Fürchtet euch nicht und erschreckt nicht! Habe ich's dich nicht schon lange hören lassen und es dir verkündigt? Ihr seid doch meine Zeugen! (Jesaja 44,8)

Was euch gesagt wird in das Ohr, das verkündigt auf den Dächern. (Matthäus 10,27)

Heute feiern wir den zweiten Pfingsttag, liebe Leserinnen und Leser. Aber wie ist dieses Fest eigentlich zu verstehen? Pfingsten erscheint ja weit weniger greifbar und „geerdet“ als zum Beispiel die Weihnachtsgeschichte mit dem Kind in der Krippe und all den Figuren, die uns von früh an vertraut sind.

Dreiklang von Hören, Reden und Handeln

Ich versuche mich einmal in einer Annäherung, wenn ich sage: Pfingsten ist Kommunikation in Reinkultur! Also der Dreiklang des rechten Hörens und mutigen Redens und glaubwürdigen Handelns, motiviert durch die Liebe Christi, gegründet im und angetrieben durch den Heiligen Geist. Und all das ohne Hintergedanken, wie etwa einen bestimmten Zweck zu verfolgen oder eine Wirkung zu erzielen, nicht einmal primär, um zu missionieren.

Die ersten Zeuginnen und Zeugen der frühen Christengemeinde können halt nicht anders als öffentlich „von den Dächern zu verkündigen“, was ihnen an Gutem widerfahren ist! Das macht sie unerschrocken, lässt sie über sich selbst hinauswachsen und trägt zur grundlegenden Einsicht bei, dass die Liebe des Gottes Israels in und durch Jesus Christus allen Menschen ungeachtet ihrer Herkunft und Hautfarbe oder sozialen Schicht gilt.

Nun ist’s aber eine Binsenweisheit, dass Hören und Verstehen zweierlei ist. Das ist mir als Junge wohl zum ersten Mal so richtig bewusst geworden, als in meiner Familie Tante Mariechen zum Thema am Mittagstisch gemacht wurde. Mariechen, schwerhörig, wie sie war, gab offensichtlich schon mal Antworten auf Fragen, die keiner so gestellt hatte. Ein Hörgerät kam für sie noch nicht in Frage, darum trugen ihre manchmal recht unpassenden Reaktionen immer wieder zur allgemeinen Erheiterung bei. Ganz schön gemein war das eigentlich.

Erst sehr viel später entdeckte ich meine Empathie für die Tante, als ich mich in ähnlichen, kommunikativ heiklen Situationen wiederfand. Mit  einer der Töchter neben mir im Auto, bei lautem Fahrgeräusch mit umso leiserer Stimme meiner Sitznachbarin, wie mir schien, habe ich mich dann schon mal mit Nachfragen zurückgehalten, um mir keine Abfuhr einzuhandeln. Kommunikation in Reinkultur sieht anders aus.

Zum Himmel schreiendes Unrecht

Wenn es nun schon im vertrauten familiären Umfeld mit der Verständigung haken kann, wie sehr mangelt es erst an einem pfingstlichen Miteinander unter den Völkern, Klassen und Rassen. Konkret sind mir die Bilder von Freitagnacht vor Augen. Im Fernsehen sah ich demonstrierende Menschen in verschiedenen US-amerikanischen Städten, die nach dem gewaltsamen Tod von George Floyd, eines Afro-Amerikaners, auf die Straße gingen. George Floyd war von der Polizei verhaftet und über quälend lange Minuten hinweg von einem Polizisten des Atems beraubt worden, der den Nacken des Wehrlosen mit seinem Knie festhielt. Kurze Zeit später ist George Floyd verstorben.

Da ist nun die Wut der Demonstrierenden, ihr Schrei nach Gerechtigkeit und ihre Forderung nach einem fairen Umgang gerade auch gegenüber Minderheiten. Sie wollen Gehör finden, indem sie buchstäblich zum Himmel schreiendes Unrecht anpragern. Ich denke, wenn diese Menschen auch unterschiedliche Motive haben werden, und darunter auch solche sind, die bloß Lust an Zerstörung und auf Krawall haben, können wir hier auch zeichenhaft starke pfingstliche Elemente wahrnehmen.

Menschen, bunt gemischt, Schwarze, Weiße und solche mit hispanischer oder asiatischer Herkunft treten gemeinsam ein für Gerechtigkeit und gegen Willkür und Gewalt. Viele von ihnen berufen sich ausdrücklich auch auf die Bürgerrechtsbewegung der Sechzigerjahre und Martin Luther King. Sie haben nicht aufgehört, von einer besseren und gerechteren Gesellschaft zu träumen.

In dieser Tradition sieht sich auch Cornel West, ein Universitätsprofessor für Theologie und afroamerikanische Studien, der in einem Fernsehinterview von CNN zu den aktuellen Vorgängen befragt wurde. Cornel West erschien mir wie ein biblischer Prophet, als er Amerika als gescheitertes Sozialexperiment erklärte, die Gier und den Rassismus verurteilte und zum Schluss kam, dass das System nicht in der Lage sei, sich selbst zu reformieren.

Drei-Minuten-Blick in die Kinderstube der Turmfalken

Ich schließe mit nachdenklichen Worten von Cornel West, für mich ist er ein Zeuge Christi. Können wir uns seine Worte zu eigen machen, es von den Dächern rufen, auch hier in Deutschland an Pfingsten 2020? Träumen wir von einer Grenzen überschreitenden Kommunikation, die auch aufrütteln und unruhig machen kann?

„Nun ist unsere Kultur so fixiert auf den Markt, jeder steht zum Verkauf, alles steht zum Verkauf, so dass man nicht mehr echte Nahrung für die Seele findet, Sinn und Zweck [aus den Augen verliert].“

Ihr Pfarrer Martin Will

Video

Martin Will lädt zur Entspannung zu einem Drei-Minuten-Blick in die Kinderstube der Turmfalken im Eckenhagener Kirchturm. Vier Falkenküken üben sich zeitweise im Gleichklang des Atmens. Video: c.1und1.de/@519509031061029694/CZRZOO17S9CrAbOe-6oQCQ

Video: Martin Will | Musik: Die Audiospur ist unterlegt mit Musik von Johann Sebastian Bach: Wachet auf, ruft uns die Stimme, BWV 645 (Schübler-Choräle), gespielt von Stefan Iseke an der Barockorgel Eckenhagen am 02.12.2012.

www.ekagger.de | jth | Fotos: Martin Will

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Vier Falkenküken üben sich im Turm der Barockkirche zeitweise im Gleichklang des Atmens. Sie kommunizieren perfekt miteinander und mit ihren Eltern.
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Die Scheibe ist in der Mauernische fest eingebaut, viele Falkengenerationen haben hier schon gebrütet. Ab der nächsten Brutsaison soll es ein herausnehmbares und damit waschbares Fensterchen geben.