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Andacht: Nicht vergessen - immer wieder erinnern

| Andacht

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat (Psalm 103,2). Eine Andacht von Vera Gast-Kellert.

Da sitzt sie neben mir auf dem Liegestuhl im Freibad, und wir kommen ins Gespräch. Sie beklagt sich, dass ihr Schampon gestohlen wurde. „Ja wirklich, sehr ärgerlich“, kommentiere ich, „und wann war das?“ „Ach, das sind nun auch schon wieder zwölf Jahre her“, ist die Antwort. Mir stockt der Atem. So ist das mit unserem Vergessen, geht es mir durch den Sinn. Wir vergessen das Gute allzu schnell, aber das Schlechte behalten wir im Gedächtnis.

Als langjährige Geschichtslehrerin frage ich mich, was für einen Blick der Psalmbeter auf die Geschichte wirft. „Vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!“ Ist das nicht ein einseitiger Blick, quasi durch eine rosarote Brille? Ein Blick auf Vergebung, Erlösung, Gnade, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit. Werden die dunklen Seiten und Erfahrungen einseitig ausgeblendet und verdrängt?

Erinnerung heilt

"Nicht vergessen – immer wieder erinnern" - ist die Über-Lebens-Grundhaltung des Volkes Gottes. Es  heißt, das Judentum sei keine Religion des Glaubens, sondern eine des Erinnerns. So ist der rote Faden einer Sederfeier am Passah das "nicht vergessen". Das Volk Gottes erinnert sich an Gottes Handeln in den verschiedenen Situationen seiner Geschichte, an sein befreiendes Eingreifen und seine Fürsorge. Sie erzählen sich die Geschichten der Vorfahren so, als hätten sie diese selber erlebt.  Die chassidische Tradition sagt, dass Erinnerung das Geheimnis der Erlösung sei und Vergessen das Exil verlängere.

Wenn wir als christliche Gemeinden in dieser Tradition stehend beim Abendmahl als Einsetzungsworte den Befehl Jesu hören "Tut dies zu meinem Gedächtnis", wird deutlich, dass in diesem Mahl Gottes Heil und Barmherzigkeit Teil von mir selbst wird, „er-innert“ wird. In der Kraft dieser Erinnerung zu leben ist dann das Gegenteil von Verdrängung. Die dunklen Erfahrungen bestimmen nicht die Erinnerung, sie sind eingebettet in die viel weitere Perspektive des Segens, stehen unter dem weiten Bogen der göttlichen Verheißung und laden ein zum Lob Gottes.

Einladung zum Lob

Der Psalm nennt all das, was die Seele nicht vergessen soll, was sie gedenken, „er-innern“ soll. Die Seele – das geistliche Organ – wird zum Lob aufgefordert. „Lobe den Herrn, meine Seele“. Fünf Mal wird dieses „Lobe den Herrn“ im Psalm wiederholt, wie zu einem großartigen Finale in einem Chorsatz drei Mal in den letzten drei Versen.

Noch einmal erwacht in mir der Blick der Historikerin. „Wie“, so frage ich mich, „wird dieses Jahr 2020, das uns den Mund verschloss und die Seele ängstigte, das unser demokratisches Gemeinwesen infrage zu stellen scheint, später in unseren Geschichtsbüchern dargestellt werden?“

Wird der Blick zurück ein dankbarer sein, dankbar für gesellschaftliche und wirtschaftliche Solidarität in unserem Land, dankbar für ein gutes Gesundheitssystem und für politische und religiöse Freiheit, dankbar dafür, dass dieses Jahr uns neue Erkenntnisse – auch geistliche – geschenkt hat? Neue Erfahrungen miteinander, mit Gott? Wie wir es „er-innern“ ist auch unsere Gestaltungsverantwortung jetzt. Werden wir es „er-innern“ als Heils-Geschichte, als „Annus Domini“, als Jahr des Herrn?

Vielleicht werden wir an das Jahr 2020 auch als ein „Jubeljahr für die Erde“ denken, ein Thema, das der Lutherische Weltbund in diesem Jahr für die Zeit vom 1. September bis zum 4. Oktober  gewählt hat. Möge der Blick zurück auch in uns ein Lob zum Klingen bringen, so dass wir einstimmen in den Lobgesang Marias, das „Magnificat“ – „Magnificat anima mea dominum – Meine Seele erhebt den Herrn“. Der Gesang der großen ökumenischen Gemeinschaft in Taizé ist ein Vorgeschmack des himmlischen Lobs.

Hören Sie einmal hinein: Magnificat anima mea dominum – Meine Seele erhebt den Herrn

Ihre Vera Gast-Kellert, Prädikantin in der Evangelischen Kirchengemeinde Gummersbach

www.ekagger.de | jth | Foto: Vera Gast-Kellert, Kirchengemeinde Gummersbach

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Den Regenbogen fotografierte Vera Gast-Kellert bei ihrer ersten Reise in die Länder der ehemaligen Sowjetunion. "Beim schier nicht enden wollenden Warten an der Grenze spannte sich dieser Regenbogen als Zeichen der Hoffnung."
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Vera Gast-Kellert, ehemalige Geschichtslehrerin, predigt als Prädikantin auch im Kreiskrankenhaus Gummersbach, hier bei ihrem letzten Gottesdienst am 4. August 2020.