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Andacht: Kleines Lob des Zorns

| Andacht

Eine Andacht von Pfarrer Hans-Georg Pflümer zum Wochenspruch für den 18. Oktober, den 19. Sonntag nach Trinitatis.

22 Legt von euch ab den alten Menschen mit seinem früheren Wandel, der sich durch trügerische Begierden zugrunde richtet. 23 Erneuert euch aber in eurem Geist und Sinn 24 und zieht den neuen Menschen an, der nach Gott geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit. 25 Darum legt die Lüge ab und redet die Wahrheit, ein jeder mit seinem Nächsten, weil wir untereinander Glieder sind. 26 Zürnt ihr, so sündigt nicht; lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen. (…) 32 Seid aber untereinander freundlich und herzlich und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus. Epheser 4,22-26.32

Am Sonntag, liebe Leserinnen, liebe Leser, ist obenstehender Abschnitt aus dem Epheserbrief für die Predigt vorgeschlagen. Und ich kann schon viele Kolleginnen und Kollegen darüber predigen hören, wie verwerflich Zürnen ist und wie gut versöhnen ist. Und das ist ja auch nicht falsch. Aber ich sehe das ein wenig anders. Denn das mit dem Zorn ist ja nicht immer so einfach. Das, was der Verfasser des Epheserbriefes fordert: „Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen“ Manchmal hat man seinen Zorn nicht im Griff. Manchmal ist der Anlass auch zu gewichtig, um wieder quasi nach Sonnenuntergang wieder zur Tagesordnung überzugehen.

Manchmal ist Zorn besser als Nicht-Zorn

Und: Manche Dinge ändern sich nie, wenn es nicht Menschen gibt, die ihrem Zorn über die Ungerechtigkeit oder die Nachlässigkeit auch Raum und Zeit geben. Und viele Dinge sind so ärgerlich, dass es gar nicht zu verantworten wäre, darüber nicht in Zorn auszubrechen. Und deshalb wage ich hier dem biblischen Autor zu widersprechen: Manchmal ist Zorn besser als Nicht-Zorn. Und manchmal ist Zornigbleiben besser als ein Kleinbeigeben.

Es hat mich schon immer geärgert, wenn man unangenehme Dinge deutlich anspricht und das Gegenüber abwiegelt: „Alles ist gut“ oder „Alles wird gut.“ Manchmal braucht es eben auch Emotionen und auch Zorn, damit etwas, das nicht gut ist, wieder gut werden soll.

Verstehen Sie mich nicht falsch: Der Zorn sollte natürlich nicht beleidigend sein, nicht kleinlich und nicht verletzend. Und ohne Abstriche unterschreibe ich dann den letzten Satz des Predigttextes: „…und vergebt einer dem andern, wie auch Gott euch vergeben hat in Christus!“

Ihr Pfarrer

Hans-Georg Pflümer

www.ekagger.de | jth | Foto: Marc Platten

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Hans-Georg Pflümer ist Schulpfarrer am Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasium in Wiehl.