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Andacht: Hochaktueller Glaubensblick nach vorn

| Andacht

Vera Gast-Kellert schreibt zum Wochenspruch "Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.“

„Sola gratia  -  allein durch Gnade“  -  dieser Begriff, der die Reformation kennzeichnet, geht mir durch den Kopf, als ich den Wochenspruch aus Epheser 2,8 lese: „Denn aus Gnade seid ihr selig geworden durch Glauben, und das nicht aus euch: Gottes Gabe ist es.“

Können diese beiden Wörter auch heute noch Menschen in Bewegung setzen wie vor 500 Jahren? Sind unsere Fragen nicht ganz anderer Natur?

Während ich nachsinne, klingt in mir das weltberühmte Lied „Amazing grace, how sweet the sound that saved a wretch like me! I once was lost, but now I am found, was blind, but now I see”. In der deutschen Übersetzung: „O Glück der Gnade! Gottes Hand und Augen suchten mich. Ich war verlorn, bis er mich fand, war blind, jetzt sehe ich.“ Das Lied berührt Menschen weltweit.

Siegeschor über Trauer und Gewalt

Ich sehe und höre Barack Obama, wie er im Juni 2015 in Charleston bei der Trauerfeier für die bei dem Attentat in einer Methodistenkirche Erschossenen dieses Lied anstimmt; erst zögerlich allein, doch dann fallen nach und nach Tausende Menschen in der Trauergemeinde ein. Das Lied über die „erstaunliche Gnade“ Gottes, die in schweren Zeiten Kraft verleiht, das schon den Sklaven in den USA Hoffnung gab, schwillt an zu einem Siegeschor über alle Trauer und Gewalt.

Welche Erfahrung steht hinter diesem Lied? Zu meinem Erstaunen lese ich, dass es seine Entstehung dem Kapitän eines Sklavenschiffes, John Henry Newton (1725-1807), verdankt. John Henry Newton wird als Jugendlicher von der Kriegsmarine zwangsrekrutiert und von Vorgesetzten wie ein Sklave behandelt.

Er selber lebt ausschweifend und gewalttätig. Im Rückblick dichtet er: „Einst war ich verloren“ -  verloren für sich selbst, verloren für diese Welt und auch verloren für Gott. Als Dreiundzwanzigjähriger gerät er in schwere Seenot. Jetzt, da alles schwankt und er äußerlich und innerlich Halt braucht, fleht er Gott um Rettung an. Und diese erfährt er als Gottes unfassbare Gnade.

Lebensbedrohende Krise als Chance seines Lebens

Er bleibt nicht, der er war. „Black lives matter“ erkennt er vor 270 Jahren und behandelt die Sklaven menschlicher. Dann gibt er seinen Beruf auf, wird Geistlicher, tritt gemeinsam mit William Wilberforce vehement für die Bekämpfung der Sklaverei ein und wird zum scharfen Kritiker des Kolonialismus. Eine lebensbedrohende Krise ist die Chance seines Lebens geworden.

Eine Krise als Chance, als Gnade Gottes? Gilt das auch heute? Sind wir auch blind für die Sünden unserer Zeit: für Gier, Rassismus, Ausbeutung der Natur, Gewalt, Egoismus? Sind wir blind dafür, dass unser Wohlstand auf dem Rücken so vieler Menschen weltweit erworben wird? Wie durch ein Brennglas könnten wir in dieser Zeit die Wahrheit über unser Leben erkennen. Ist es Gnade, dass wir anhalten, fragen, die Richtung ändern müssen?

In der dritten Strophe dichtet Newton: „Durch viel Gefahr, durch Not und Nacht gab er mir das Geleit, hat sicher mich hierher gebracht, führt mich ans Ziel der Zeit.“ Der Kapitän Newton vertraut sich einer anderen Leitung an, nicht nur für eine kurze Reise, nein, ans Ziel der Zeit.

Aus der Gnade Gottes zu leben ist hochaktuell

Noch einmal lese ich den Vers: „Ihr seid selig geworden durch den Glauben“, „selig“ durch Vertrauen auf Gott, durch einen Glaubensblick nach vorn -  auf das Ziel, das nicht in mir selbst liegt – auf Gottes Zukunft.  Ein Geschenk, eine Gabe! Aus dieser Gnade zu leben, von ihr zu reden und sie in die Tat umzusetzen ist hochaktuell.

In der nächsten Woche werde ich abends die vierte Strophe von „Amazing grace“ spielen und beten:

In Güte hüllt mein Gott mich ein, verspricht mir täglich neu:
Ich will dein Ein und Alles sein, bleib dir auf immer treu.

Auf dich, mein Gott, vertraue ich und bitte: bleib bei mir!
Auf deine Gnade baue ich, und tastend folg ̓  ich dir!

Amen

Vera Gast-Kellert, Prädikantin der Evangelischen Kirchengemeinde Gummersbach und Mitglied des Ausschusses für Mission und Ökumene im Kirchenkreis An der Agger

www.ekagger.de | jth | Foto: Vera Gast-Kellert

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Vera Gast-Kellert spielt auf ihrer Querflöte das Lied "Amazing Grace" - "erstaunliche Gnade". In der nächsten Woche will sie abends die vierte Strophe spielen und beten.