Direkt zur Hauptnavigation springen Direkt zum Inhalt springen Jump to sub navigation

GEISTLICHE NOTIZEN Das Leben ist größer als der Tod

Wenn wir Menschen verabschieden, sind wir getragen: Gott fängt uns auf. Gott übernimmt da, wo wir nicht weiterkönnen. Eine Andacht von Michael Braun

Nach der Zeugung ist im Leben nur eine Sache wirklich sicher, todsicher: Der Tod selbst. Und darüber reden wir nicht gerne. Im Gegenteil, der Tod wird als Thema verdrängt, an die Seite geschoben und aus dem Alltag verbannt. Ein gutes und öffentliches Sterben ist anders als in der Vergangenheit nicht mehr Teil unseres Lebens.

Dadurch verlieren wir etwas Wichtiges, denn Leben lernen kann man nur beim Sterben, und die Bedeutung von Leben kann man  nur begreifen, wenn man das Leben in seiner Endlichkeit bedenkt und annimmt. Leben und Sterben sind untrennbar verbunden.

Natürlich kann man dem Thema Sterben nicht wirklich ausweichen, auch heute nicht. Und manchmal trifft es uns mit voller Härte, aber auch dann gibt es viele Verdrängungsmöglichkeiten und Ablenkungen. „Herr, lehre mich bedenken, dass ich sterben muss, auf dass ich klug werde“, ist ein Bibelvers, der auf viel Ablehnung und Widerspruch stößt, am liebsten aber ganz überhört wird. Damit verändern wir unsere Art des Lebens. Entgeht uns damit auch die Bedeutung des Lebens?

Auf diese Weise wird der Tod nicht zum Teil unseres Lebens, sondern zu seinem Gegner, wird der Tod nicht die Erfüllung und der Abschluss, sondern die Angstquelle schlechthin.

Ein Licht in unserem Fenster 

Buß- und Bettag war ein Tag der Einkehr und der Überlegung, was im Leben wirklich wichtig ist. Und auch wenn dieser Tag noch nicht der Ewigkeitssonntag war, so hat er für mich privat, für uns als Familie einen noch intensiveren Bezug zu Tod und Sterben.

An einem Buß- und Bettag mussten wir erfahren, dass unser drittes Kind nicht mehr lebt. Eine Fehlgeburt und sie hat uns schwer getroffen. Seitdem brennt an diesem Abend immer ein Licht in unserem Fenster, und wir denken an dieses und unser anderes Kind, das wenige Monate später ebenfalls niemals das Licht der Welt erblickte.  Sie sind Teil unseres Lebens, und die Neugier, sie eines Tages doch kennenlernen zu dürfen, ist groß und schmerzhaft.

Wir haben damals nach zwei Fehlgeburten sehr gerungen, ob wir es noch einmal versuchen sollten. Herr, lehre uns bedenken. Heute ist unsere jüngste Tochter 17, und sie wäre nicht da, wenn wir uns trotz oder vielleicht wegen des Sterbens nicht für das Leben entschieden hätten. Denn das Leben ist größer als der Tod.

Was macht man mit der Angst vor dem Tod?

Das Leben definiert sich und gewinnt seine Bedeutung gerade durch seine Endlichkeit. Damals ist mir der Bibelvers aus Johannes 16 wichtig geworden. Jesus spricht ihn in der Ankündigung seines Todes und seines Abschiedes von seinen Jüngern:

„Dies habe ich mit euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“

Ja, in der Welt habe ich Angst vor dem Tod, und keine Sicherheit hier kann dagegen helfen. Diese Angst kann mich lähmen oder viel Energie kosten, wenn ich sie verdränge, oder ich kann sie Jesus überantworten und ihm vertrauen.

Ja, diese Welt endet mit dem Tod, aber es gibt die sehr konkrete Zusage, dass es mehr gibt, dass die Welt überwunden werden kann.

Glaube ist dazu der einzige Weg und die Voraussetzung, die Jesus benennt, wobei keine Details genannt werden.

Reisesegen nach dem Tod

Ja, dieser Vers ist ein Vermächtnis Jesu, gesprochen vor seiner eigentlichen Kreuzigung, im Kreis der Jünger. Ich höre diese Worte als einen Auftrag, diese Worte weiter zu sagen und den Tod nicht als eine medizinische Herausforderung zu verstehen, sondern als ein Geschehen, das Nähe und Begleitung braucht. Sterbebegleitung ist ein zentraler Kern christlicher Nächstenliebe.

Als Pfarrer wird man an manches Sterbebett gerufen. Manchmal für einen Sterbe- oder wie es viel schöner heißt "Reisesegen nach dem Tod". Manchmal auch für Gebet und Begleitung vorher. Häufig traf ich dann viel Aufregung und Unsicherheit an. Natürlich, denn wir reden zu wenig von einem guten Sterben. Aber meistens war alles Medizinische längst getan, Hilfe in Schmerzen gegeben und Behandlungen vollzogen.

Und dann ging es nur noch um Sterben und Leben, um Abschied, wenn möglich, um Akzeptieren, wenn man es nicht wahrhaben wollte und das Betreten eines Weges, der aus Abschied und Erinnerung genauso bestand wie aus Schmerz und Trost.

„In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden.“

Und immer wieder durfte ich dann erleben, als Pfarrer und selbst Betroffener, als Freund oder als Notfallseelsorger, dass es in dieser Situation nichts Besseres gibt als für andere da zu sein, Nähe und Begleitung zu schenken, einfach den Moment gemeinsam zu tragen und weiterzusagen, dass Gott da übernimmt, wo wir nicht weiterkönnen.

Im Sterben mit dem Leben da sein, dem Tod Raum geben, aber den Betroffenen lebendige Nähe geben. Tod und Leben, Sterben und Dasein. Seid getrost, mitten im Sterben; ich habe die Welt überwunden – mitten im Leben.

Gottesdienst: Sterbende begleiten. 17.11.2021 in Waldbröl (ekagger.de)

www.ekagger.de | jth | Text: Michael Braun | Fotos: Kirchenkreis An der Agger/V. Marzinski; Judith Sahm 

Michael Braun, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises An der Agger, hielt die Predigt beim Gottesdienst "Sterbende begleiten" in Waldbröl. Der Text ist eine leicht geänderte Version seines Predigttextes

Die Bedeutung von Leben kann man nur begreifen, wenn man das Leben in seiner Endlichkeit bedenkt und annimmt