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GEISTLICHE NOTIZEN #nichtohnemeingesangbuch

"Können Sie das Gesangbuch auswendig?" Pfarrerin Silke Molnár aus der Kirchengemeinde Holpe-Morsbach hat sich über die Frage einer Konfirmandin Gedanken gemacht 

„Können Sie das Gesangbuch auswendig?“, fragte mich kürzlich eine Konfirmandin.

„Nee!“, habe ich ihr geantwortet und hinzugefügt: „Auswendig können das viele alte Menschen, die seit Jahrzehnten regelmäßig, freiwillig in den Gottesdienst gehen und das Gesangbuch auch zuhause nutzen – als Andachtsbuch. Und auch sehr viele Menschen in Pflegeheimen. Sie können die Lieder noch auswendig, obwohl sie Anderes längst vergessen haben.“

Erstaunter Blick aus einem vierzehnjährigen Gesicht. Konfistunde vorbei. Ich räume die roten Bücher zurück in den Ständer am Eingang, wo sie garantiert niemand auswendig lernt und überlege: Mein Vater würde nie ohne sein eigenes Gesangbuch in die Kirche gehen. Es ist dunkelblau wie der Anzug, mit dem er gemessenen Schrittes sonntagmorgens in Richtung Gottesdienst das Haus verlässt. Ton in Ton. Ein äußerst würdiges Bild.

Mein Evangelisches Gesangbuch, mein EG, ist schwarz. Mit Goldschnitt. Im Schuber. Großzügiges Geschenk der Landeskirche – aber nicht das einzige. Immer wieder werden mir alte und uralte Gesangbücher übereignet. „Darf ich Ihnen das schenken?“ „Hier Silke – das gefällt Dir doch bestimmt. Hat meiner Großmutter gehört. Bei Euch ist es gut aufgehoben.“

Pfarrhäuser sind auch Gesangbuchparkplätze. Unsere Raritätensammlung wächst und wächst. Mal sehen, wie lange noch.

Zukunftsmusik: 500 Jahre Gesangbuch 

Planmäßig nimmt die Arbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland, der EKD, am neuen Gesangbuch jetzt zum Jahresende ordentlich Fahrt auf. 2024 sollen erste Ergebnisse vorliegen. 500 Jahre Gesangbuch feiern wir dann. Aus dem Gesang- und Hausandachtsbuch der 90er wird auf lange Sicht (auch) eine App werden. Mit Blick auf die Intimität zwischen Smartphones und deren Nutzer*innen liegen hier freilich große Chancen für neue Beziehungen.

Ich träume

Menschen lernen Ambrosius Lobwasser kennen, weil sie auf den Bus warten.

Eltern beeindrucken ihre Kinder mit Kirchenlied-Playlists, die man auch auf Endlosschleife oder Zufallsgenerator einstellen kann.

Bekenntnisse und Lehrzeugnisse werden durch Game-Funktionen zum Geheimtipp unter Konfis. Die Zahl der Konfirmand*innen steigt daraufhin sprunghaft an.

Älterer Wortschatz kann mit einem „Swipe“ umgehend gehoben werden.

Kirchenlied-Flashmobs fluten Instagram und TikTok.

Die integrierte Konkordanz begeistert landauf landab bei Gottesdienstvorbereitungen.

Die EG-App funktioniert bedarfsgerecht: Nutzer*innen entscheiden, wie die Inhalte sortiert werden sollen. Die Softwarebranche registriert diese Punktlandung sehr aufmerksam.

Das Wort „Versenkung“ löst die Vokabel „Achtsamkeit“ ab.

Das Kirchenlied ist zurück. Und wie! In allen nur denkbaren Stilrichtungen. Kantor*innen können sich vor Angeboten des Popularmusik-Marktes kaum noch retten.

Gesangbuch 2030: Eine App von Vielen ist überraschend zum Werkzeug des Friedens geworden.

Ich lese

„Die Hände, die zum Beten ruhn, / die macht er stark zur Tat. / Und was der Beter Hände tun, / geschieht nach seinem Rat.“

EG 457, 11

„Klepper, Jochen (VI,1), geb. 1903 in Beuthen/Oder (Schlesien), nach dem Theologiestudium in Breslau Mitarbeiter bei Presse und Rundfunk, seit 1931 Schriftsteller in Berlin (Roman „Der Vater“); seine geistlichen Lieder in der Sammlung „Kyrie“ 1938 wurden als richtungsweisende Glaubenszeugnisse anerkannt und bald vertont; vom nationalsozialistischen Regime wegen seiner jüdischen Frau verfolgt, wählte er 1942 mit seiner Familie den Tod. – T 16, 50, 64, 208, 239, 379, 380, 452, T* 453, T 457, 486, 532“

EG, S. 1561

Ich denke

…das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden. Wird. In diesen Tagen.

Amen.

Wer sich für die Entwicklung des neuen Gesangbuchs interessiert, kann hier weiterstöbern:

Meyer-Blanck, M.: Aufgabe und Bedeutung eines kirchlichen Gesangbuches heute, in: Musik und Kirche 2019 Heft 2, S. 80-89.

Arnold, J./ Besser, B./ Goldschmidt, S./ Kennel, G./Schomerus, A.: 20 Thesen zu einem neuen evangelischen Gesangbuch, in: Musik und Kirche 2019 Heft 2, S. 91.

Online: Die Entstehung eines Gesangbuches – wann und wie lange? – EKD

 

www.ekagger.de | jth | Fotos: Silke Molnár, Michael Kupper

Pfarrhäuser sind auch Gesangbuchparkplätze. Noch. Die Gesangbuchgarage von Silke Molnár

Pfarrerin Silke Molnár (rechts) beim Israelsonntag, den sie mit Gottesdiensten in Holpe und Morsbach gefeiert hat. Sie ist Vorstandsmitglied in der Oberbergischen Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit